Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war sie für den grenzübergreifenden Handelsverkehr zwischen Italien, der Schweiz und Österreich unverzichtbar. Heute ist die Via Valtellina ein Geheimtipp für Weitwanderer und Ruhesuchende.

Die Vorfreude italienischer Händler hielt sich wohl in Grenzen, wenn sie vor Jahrhunderten von Tirano aus die Via Valtellina in Angriff nahmen. Es war ein beschwerlicher Weg, der vor ihnen lag, zwar gesäumt von wildromantischen Landschaften und glasklaren Bergseen, aber auch geprägt vom rauen alpinen Klima. Was für eine Tortur es gewesen sein muss, Güter wie Wein und Meersalz auf Saumtieren oder mit Schlitten bis zu 130 Kilometer und über schmale Pfade ans Ziel zu bringen – in den Schweizer Kanton Graubünden oder weiter bis ins österreichische Montafon.

Von Tortur kann für Angelika und mich noch keine Rede sein, als wir uns am Morgen des ersten Tages in den Bus der Linie 87 setzen. Dieser bringt uns in 25 Minuten von unserem Heimatort Schruns nach Gargellen. Von dort aus wollen wir die Via Valtellina in Nord-Süd-Richtung erkunden. Sieben Tage. Sieben Etappen. Los geht’s!

Die Einsamkeit ruft

Unsere erste Etappe führt uns vom Gargellner Dorfzentrum hinein ins Valzifenztal. Am Fuße der Madrisa wandern wir entlang eines Baches und dann hinauf aufs Schlappiner Joch (Abzweigung nicht übersehen).
Nach etwa 400 Höhenmetern erreichen wir ein Zollhaus, welches die österreichisch-schweizerische Staatsgrenze markiert. Wir genießen den Blick auf das Bergdorf Schlappin und kehren im Berghaus Erika am Schlappinsee ein. Frisch gestärkt und etwas leichter im Börserl steigen wir entlang des Schlappinbaches bis nach Klosters ab, wo wir in einem Hostel übernachten wollen. Dort lernen wir ein Schweizer Pärchen kennen – die einzigen Wanderer, die zeitgleich mit uns auf der Route nach Tirano unterwegs zu sein scheinen.  

Der nächste Tag startet mit 15 idyllischen Kilometern. Nur die Trasse der Rhätischen Bahn kreuzt von Zeit zu Zeit unseren Weg. Vorbei am Schwarzsee, erreichen wird das Dorf Laret mit seinen urigen Häusern. Noch einmal durchatmen, bevor wir am Ortsausgang in den Verkehrslärm der Prättigauerstraße eintauchen. Über den Wolfgangpass und vorbei am Davosersee marschieren wir weiter bis Davos Platz, wo wir unsere Unterkunft für die Nacht beziehen. Ein Tipp: Sofern die Kraftreserven reichen, lohnt es sich eher, nach Dürrboden weiterzugehen und dort den Abend zu verbringen (liegt auf circa 2.000 Metern). Wir hingegen starten dort erst am nächsten Morgen und nach einer kurzen Fahrt mit dem Linienbus 312 Tag drei unserer Tour.

Im Hochgebirge

Mit dem Scalettapass (2.606 Meter) erreichen wir nach eineinhalb Stunden der dritten Etappe den höchsten Punkt der Via Valtellina. Der Weg dorthin ist stark frequentiert, was sich bergab deutlich bessert. Wir blicken noch einmal zurück auf das Scalettahorn und treten den langen Abstieg ins Engadin an. Beeindruckt von den Dreitausendern um uns, passieren wir die Alp Funtauna, wo wir am Wanderweg von Pferden begrüßt werden.

Wir folgen dem mäandernden Fluss Vallember, der uns zwei herrliche Gehstunden lang nach Susauna führt. Dort angekommen, erhalten wir einen Vorgeschmack auf die Engadiner Architektur und den neuen Kultur- und Sprachraum. Die rätoromanische Sprache sowie die auffällig geformten Fensterlaibungen der Engadiner Häuser werden uns für ein paar Tage begleiten. Am Tageszielort in Zuoz wird uns durch ein mächtiges Sommergewitter in Erinnerung gerufen, dass wir uns auch im Tal auf etwa 1.700 Metern Seehöhe befinden. Dementsprechend kühl wird es am Abend.

Der Regen ist leider auch am vierten Tag ein treuer Begleiter. Wir sind nun vermehrt in der Zivilisation unterwegs und passieren entlang des Inns die Orte Madulain, La Punt Chamues-ch (nein, kein Tippfehler), Bever und Samedan. In Samedan machen wir eine Ehrenrunde und besichtigen San Peter samt Panoramaaussicht auf den Ortskern.

Wir folgen noch dem Inn, biegen aber nach Süden ab und erreichen am frühen Nachmittag Pontresina. Dieses Bergsteigerdorf ist als Ausgangspunkt für Hochtouren in die Berninagruppe bekannt. An dieser Stelle können wir euch wegen der vielen Ausflugsmöglichkeiten ans Herz legen, hier etwas Zeit dranzuhängen. Ab zwei Übernachtungen erhält man eine Gästekarte, mit der man öffentliche Verkehrsmittel wie die eher teuren Seilbahnen nutzen kann.

Postkartenmotiv

Tagesetappe fünf führt uns zur Alp Grüm, einem absoluten Tour-Highlight – dazu später mehr. Nach dem Start in Pontresina erreichen wir bald Morteratsch. Dort steigen wir über die Cascada da Bernina einige Höhenmeter auf. Der Name ist Programm, denn das rätoromanische Wort „Cascada“ steht für „Wasserfall“. Davon gibt es hier einige – und auch Aussichtsplattformen, die das Naturerlebnis eher schmälern als bereichern. Das mag aber meine persönliche Ansicht sein.

Wir passieren die Seilbahnstation Diavolezza und schreiten voran zum Berninapass. Neben vielen
(E-)Drahteseln erblicken wir kurz vor dem Lago Bianco auch das tierische Äquivalent: eine Eselherde. Am Lago Bianco machen wir über Mittag in einer Wiese Rast. Wir fühlen uns in ein Postkartenmotiv mit Schweizer Klischees eingebettet. Schneebedeckte Berggipfel, gewaltige Gletscher, ein spiegelnder Bergsee – Touristiker-Herz, was willst du mehr?  

Dann stehen uns ein paar Höhenmeter Abstieg bevor. An der Weggabelung Pozzo del Drago halten wir uns links und erreichen schließlich unser Ziel: das auf 2.189 Metern gelegene Hotel Belvedere in Alp Grüm. Ein kühles Bier auf der Terrasse mit Blick auf den Palügletscher macht schnell die schweren Füße vergessen. Und was für ein Glücksfall, dass wir ein Zimmer gebucht haben. Wer hier nächtigen will, muss nämlich früh dran und bereit sein, etwas mehr hinzublättern. Haus und Zimmer sind eher spartanisch, die Küche hingegen hochklassig und man gibt sich allergrößte Mühe. Auch als Vegetarier wird man mit fantastischen Gerichten verwöhnt. Später blicken wir aus dem kleinen Fenster unseres Zimmers in das Bündner Südtal Puschlav. Die Kleinstadt Poschiavo mit dem gleichnamigen See ist bestens in Sichtweite. 

Fast am Ziel

Mit den ersten Sonnenstrahlen des sechsten Tages werden wir vom Pfeifen des Bernina Express geweckt, der sich die steilen Berghänge nach oben schlängelt und ein paar hundert Meter unter unserer Herberge in den weltberühmten Bahnhof Alp Grüm einfährt. Nach dem Frühstück packen wir unsere Sachen, um zeitig loszugehen. Der Wetterbericht sagt Sommerhitze voraus. Wir bilden uns ein, dass auch das Klima immer südlicher wird.

Nach etwa 1.400 Höhenmetern Abstieg erreichen wir am späten Vormittag die Kleinstadt Poschiavo. Dort stärken wir uns und füllen unsere Wasservorräte für die 1.000 anstehenden Höhenmeter unter praller Mittagssonne auf. Zuerst durch Siedlungsgebiet, später über Waldwege, erreichen wir am Nachmittag einigermaßen erschöpft die Alpe San Romerio auf etwa 1.800 Meter. Dort treffen wir unsere Schweizer Wanderfreunde, die wir am ersten Tag in Klosters kennengelernt hatten.

Unsere Unterkunft, das Refugio San Romerio, wird von Gino und seinen fleißigen freiwilligen Helfern bewirtschaftet. Nie um einen Scherz verlegen (die Reservierung sei verloren gegangen), beackert Gino hier einen der schönsten Flecken Erde, die wir bislang erwandert haben. Die Begeisterung für den Ort und die Schätze der Natur werden liebevoll mit den Gästen geteilt. Unsere kulinarische Empfehlung: Pizzoccheri. Diese Buchweizennudeln mit Wirsing schmecken mit etwas Käse wirklich köstlich. Nach dem Abendessen genießen wir den Sonnenuntergang und lassen die Seele baumeln. Die romanische Kirche „San Remigio“ am steilen Abhang wird vor Einbruch der Finsternis in sanftes Abendlicht gehüllt. Das ist er vielleicht, der Höhepunkt dieser Reise. 

Am Morgen der siebten Etappe heißt es ein letztes Mal: rein in die Wanderschuhe. Wir blicken beim Losgehen noch einmal auf das Refugio und die kleine Kirche, die an der Felskante thront. Während San Romerio langsam aus dem Sichtfeld verschwindet, nähert sich die Staatsgrenze. Das Gebäude des italienischen Fiskus scheint aber verlassen zu sein.

Wir kommen zügig dem Ziel unserer Tour näher: Tirano. Der Hauptort der Provinz Sondrio liegt im oberen Veltlin und am südlichen Eingang des Puschlavs. Hier gibt es Weingärten wohin das Auge reicht und wir wandern auf malerischen Wegen, die vielerorts mit Trockenmauern von höchster handwerklicher Qualität gesichert werden. Die hochsommerlichen Temperaturen und die Tatsache, dass wir pünktlich den Bernina Express in Tirano für unsere Rückreise erwischen müssen, lassen uns leider zu wenig Zeit zur Stadtbesichtigung. Für uns ist aber klar: Diese Region wollen wir wieder besuchen.

Dauer: 7 Tage
Gesamtlänge: ca. 130 Kilometer und 5500 Höhenmeter
Tagesgehdauer: ca. 4 bis 7 Stunden
Höchster Punkt: Scalettapass (2.606 m)
Niedrigster Punkt: Tirano (441 Höhenmeter)
Etappen: 1. Gargellen – Klosters, 2. Klosters – Davos, 3. Davos – Zuoz, 4. Zuoz – Pontresina, 5. Pontresina – Alp Grüm, 6. Alp Grüm – San Romerio, 7. San Romerio – Tirano
Schwierigkeit: Trittsicherheit nur abschnittsweise nötig. Gute Kondition ist von Vorteil.

https://www.alpenverein.at/weitwanderer_wAssets/docs/mitteilungen/2021/weitweg_OeAV_Sektion_Weitwanderer_2021-01.pdf